Holle beim Perchtenlauf

Frau Holle und Frau Perchta

Die zwei Gesichter der Wintergöttin

Wenn in den Rauhnächten der Wind ums Haus heult und die Nacht besonders dunkel erscheint, dann ist sie unterwegs: die große Wintergöttin, die in Mitteldeutschland Frau Holle heißt und in den Alpen als Frau Perchta oder Berchta bekannt ist. Doch wer ist diese geheimnisvolle Gestalt, die gleichermaßen segnet und straft, beschützt und fordert?

Eine Göttin, viele Namen

Frau Holle – oder eben Perchta, Berchta, die Mittwinterfrau – hatte ihren festen Platz im mitteleuropäischen Volksglauben.

Sie war Muttergöttin und Berggöttin zugleich, Hebamme zwischen Leben und Tod.

Ihr Reich umfasste das Spinnen und Weben, das Garn und das Korn.

Sie hütete die Seelen der Toten und holte die Sterbenden sanft zu sich.

Doch sie war keine zahme Märchenfigur.

Vorwitzige und brutale Menschen bestrafte sie ohne Zögern.

Hilflosen Menschen dagegen – besonders Kindern und Frauen – gewährte sie ihren mächtigen Schutz.

Die Rauhnächte: Wenn die Göttin umhergeht

Um die Percht auf ihrem nächtlichen Zug milde zu stimmen, stellten die Menschen in den Rauhnächten weiße Speisen aufs Hausdach. Am Dreikönigstag, dem Tag der Frau Holle, endeten traditionell die Rauhnächte – und die Göttin zog Bilanz.
Die Überlieferungen erzählen: Fleißige Spinnerinnen fanden goldene Flachsknoten in ihrer Wolle, tüchtige Mägde entdeckten Münzen in ihren Eimern. Gierige und Eigennützige dagegen wurden bestraft – manchmal auf drastische Weise.
Im Wallis und in Graubünden berichten alte Sagen von Seelenprozessionen, vom Nachtvolk und der Nachtschar, die vieles mit dem wilden Heer gemeinsam haben. Man hörte die Toten murmeln, flennen, beten und trommeln – aber auch wunderbare, jenseitige Musik.

Schön und schrecklich zugleich

Die Perchtenläufe, die heute vor allem in den Ostalpen bekannt sind, gehen direkt auf Frau Holle und das wilde Heer zurück. In anderen Regionen wird Wotan (Odin) als der Anführer des Wilden Heeres gesehen.

Die Percht erscheint dabei stets in zweifacher Gestalt: als schöne, glücksbringende Erscheinung und als hässliche, strafende Gestalt.

Dieses Doppelgesicht findet sich in vielen alpenländischen Masken- und Klausbräuchen wieder, die heute oft zu folkloristischen Schaubräuchen geworden sind.

Auch einige Fastnachtsbräuche, bei denen Männer mit weiblichen Masken und Kleidern auftreten, gehören in diesen Kontext.

Das Christentum versuchte vergeblich, diese heidnischen Bräuche zu unterbinden.

Schließlich setzte es den lärmenden Perchtenläufen die stillen Dreikönigsaufzüge entgegen.

Für Ethnologen ist der Zusammenhang dennoch klar: Die Rauhnächte und Mittwinterbräuche sind auf die ursprüngliche Schicksalsfrau zurückzuführen – ob sie nun als Einzelne erscheint wie die Perchta, oder als Dreigestaltige wie die drei heiligen Frauen.

Zwei Namen, eine Göttin

Frau Perchta und Frau Holle sind im Grunde regionale Ausprägungen derselben uralten Gottheit. Beide führen die „Weißen Frauen“ – die spinnenden Geister – und die Wilde Jagd an. Beide belohnen Fleiß und bestrafen Faulheit. Beide sind eng mit den Rauhnächten verbunden.

Ihre Gemeinsamkeiten:

  • Beide gehen vermutlich auf eine alte weibliche Gottheit der Fruchtbarkeit und des Schicksals zurück, möglicherweise verwandt mit der nordischen Göttin Frigg

  • Sie sind Herrinnen der Rauhnächte und Beschützerinnen der Spinnerinnen

  • Ihre Namen bedeuten ähnliches: „Perchta“ kommt vom althochdeutschen peraht (hell, glänzend). Es ist nache verwandt mit der Perth, der Schicksalsrune.  „Holle“ wird seit den Mächen der Gebrüder Grimm mit Holda in Verbindung gebracht (die Holde, Gnädige). Holle ist allerdings sehr verwandt mit Hel (Die Toten-Göttin, Göttin der Transformation).

Ihre Unterschiede:

Frau Perchta – die alpine Wintergöttin:

  • Heimat: Österreich, Schweiz, Süddeutschland

  • Charakter: Strenger, düsterer, mit rauen Zügen

  • Bekannt durch: Die wilden Perchtenläufe, drastische Strafen für Faule

Frau Holle – die mitteldeutsche Märchenfigur:

  • Heimat: Hessen, Thüringen, Mitteldeutschland

  • Charakter: Freundlicher, durch die Grimm-Märchen gemildert

  • Bekannt durch: Das Schneeschütteln (Winterzauber), Goldmarie und Pechmarie

Die dreizehnte Nacht – Wenn zwei Zeiten sich begegnen

Dass die Rauhnächte ausgerechnet am Tag der Frau Holle enden, ist kein Zufall. 

Denn die Wintergöttin hütet ein uraltes Wissen: Das Jahr folgt nicht nur der Sonne mit ihren zwölf Monaten. 

Es folgt auch den dreizehn Monden, die durch unseren Jahreskreis wandern.

Während das Sonnenjahr männlich gedacht wurde – linear, zählbar, berechenbar – verkörpert das Mondjahr die weibliche Zeit. 

Es ist zyklisch, wandelbar, dem Rhythmus von Werden und Vergehen unterworfen. 

Dreizehn Monde passen nicht sauber in zwölf Sonnenmonate. Sie schaffen Zwischenräume, Schwellenzeiten – genau wie die Rauhnächte selbst.

Die Göttin der weiblichen Zyklen

Frau Holle und Frau Perchta sind zutiefst weibliche Göttinnen. 

Sie hüten nicht nur das Spinnen und Weben – jene Tätigkeiten, die traditionell den Frauen vorbehalten waren. 

Sie verkörpern auch die drei Lebensalter der Frau: die Jungfrau, die Mutter, die weise Alte.
Als Beschützerinnen der Spinnerinnen wachen sie über die Fruchtbarkeit – nicht nur des Landes, sondern auch der Frauen selbst. 

Der Faden, den die Spinnerinnen ziehen, ist zugleich der Lebensfaden, den die Schicksalsgöttinnen weben. 

Das Spinnen selbst folgt einem Rhythmus, einem Drehen und Zurückziehen, das dem weiblichen Zyklus ähnelt.

Ihr Erscheinen in den Rauhnächten – jener Zeit zwischen den Jahren, wenn die gewohnte Ordnung ausgesetzt ist – spiegelt die weibliche Kraft der Transformation wider. 

So wie der Mond sich wandelt von Neumond zu Vollmond und wieder zurück, so wandelt sich auch die Frau durch ihre Zyklen: durch Blutung und Fruchtbarkeit, durch Schwangerschaft und Geburt, durch Wechseljahre und Weisheit.

Dreizehn Monde, dreizehn Rauhnächte

Die dreizehnte Rauhnacht – die Hollanacht oder Perchtnacht – ehrt diesen lunaren Rhythmus. 

Sie erinnert uns daran, dass neben der männlichen Sonnenzeit auch die weibliche Mondenzeit existiert. 

Dass dreizehn ein heiliges Maß ist: dreizehn Monde im Jahr, dreizehn Menstruationszyklen, dreizehn Mal das Werden und Vergehen.

In dieser letzten Nacht zieht die Göttin umher und prüft, ob wir beide Zeiten in unserem Leben respektieren: Die Zeit der Aktivität und die Zeit der Ruhe. 

Die Zeit des Gebens und die Zeit des Empfangens. 

Die Zeit des Wachsens und die Zeit des Loslassens.

Wer nur dem linearen Sonnenjahr folgt, wer nur produziert und zählt und plant, der verleugnet die weibliche Kraft des Zyklischen. 

Frau Holle lehrt uns: Auch die Dunkelheit ist fruchtbar. 

Auch der Winter birgt Schöpferkraft. 

Auch das Zurückziehen ist notwendig für neues Wachstum.

Das Erbe der Wintergöttin

Man kann es so sehen: Perchta ist die wilde, ungebändigte Wintergöttin der Berge, die in den dramatischen Perchtenläufen bis heute weiterlebt. 

Holle ist ihre sanftere Schwester aus dem Mittelgebirge, die im Märchen zur gütigen Lehrmeisterin wurde – ohne dabei ihre ursprüngliche Macht der Transformation zu verlieren.

Beide sind Hüterinnen der weiblichen Kraft. 

Sie erinnern uns daran, dass neben dem männlichen Prinzip des Zählens und Messens auch das weibliche Prinzip des Fühlens und Fließens seinen Platz hat. 

Sie lehren uns, die dreizehn Monde zu ehren – und damit auch die zyklische Natur allen Lebens.

Der Winter ist eine Zeit der Prüfung und der Wahrheit. 

Eine Zeit, in der Fleiß und Faulheit, Großzügigkeit und Geiz sichtbar werden. 

Aber er ist auch eine Zeit, in der wir uns an die andere Zeitrechnung erinnern dürfen: an die Zeit der Frauen, der Monde, der Zyklen.

Und wenn es draußen schneit? Dann schüttelt Frau Holle gerade ihre Betten – und erinnert uns daran, dass dreizehn eine heilige Zahl ist.